Natürlich nerven die Ohrgeräusche erstmal, aber unser Organismus ist von Natur aus mit allem ausgestattet, um die Töne wieder völlig auszublenden, so dass du sie nicht mehr wahrnimmst, wenn du nicht willst.

Mit vielen Geräuschen aus unserer Umwelt und auch mit anderen Sinnesreizen, mit denen wir täglich konfrontiert sind, tut unser Organismus das ständig und vollautomatisch: Wir sitzen beispielsweise mit unserem Morgenkaffee in der Küche und das Dauerbrummen unseres alten Kühlschranks geht völlig an uns vorbei. Wir liegen wach im Bett und könnten nicht sagen, ob unser Wecker vor 3 Minuten getickt hat oder nicht. Wir machen uns einfach keine Gedanken darum und nehmen die Geräusche oder Eindrücke folglich nicht wahr. Genau das zählt zu den Erfolgsstrategien von Menschen, die nur ganz kurz oder gar nicht unter ihren Ohrgeräuschen leiden, weiß die Forschung. Wie auch du deine Ohrgeräusche »links liegen« lassen kannst, sobald du deinen Organismus machen lässt was er will, erfährst du hier.

Mit diesen vier Etappenzielen beim deinem »Tinnitus Ade« darfst du rechnen:

 

1.    Etappenziel:  

Auf dieser 1. Etappe haben die meisten Menschen noch überhaupt keine Toleranz gegenüber ihrem Tinnitus. Das pfeifen, Brummen oder Zischen im Ohr wird als unangenehm und beunruhigend empfunden. Leider kennen Ohrgeräusche auch keine Bettruhe und erscheinen vielen Betroffenen besonders in der Stille der Nacht sehr präsent.
Gut zu wissen: Nicht primär die Ohrgeräusche halten dich wach, sondern vielmehr deine sorgenvollen Gedanken und Zukunftsängste: »Was, wenn die bleiben?  Ich stelle meinen Klienten häufig die Frage: »Wie viel Prozent des Tages hörst du deine Ohrgeräusche?«  In dieser frühen Phase ist die häufigste Antwort:   »Sie nerven mich rund um die Uhr«. «Zu 100 Prozent». Aber selbst auf dieser ersten Etappenstufe ist das nicht möglich, selbst wenn es dir so vorkommen mag, denn normalerweise können wir immer nur ein Ereignis zur gleichen Zeit wahrnehmen. Bei 100 Prozent  wärst du  in deinem täglichen Denken und Tun völlig lahmgelegt - so wie ein abgestürzter Computer. Tatsächlich flitzt deine Aufmerksamkeit in dieser Stufe blitzschnell  wieder zu den Ohrgeräuschen zurück. Die so zweigeteilte Aufmerksamkeit ermüdet unsere Konzentrationskraft ziemlich. Es fällt schwer, am Ball zu bleiben.

2.     Etappenziel: 

Auf dieser Stufe wirst du dem Tinnitus gegenüber schon ein wenige unaufmerksamer. Bei handwerklichen Tätigkeiten wie Gartenarbeit oder bei einem Spaziergang mit dem Hund funken dir die Ohrgeräusche schon nicht mehr ständig dazwischen. Je stärker dich ein Hobby fesselt, desto leichter fällt es dir, die Ohrgeräusche nicht zu beachten. Besonders gut tun uns jetzt Situationen, die Freude in uns auslösen, denn wir sind nicht nur besser gestimmt, auch unser Körper ent-spannt sich, was sich positiv auswirkt.
Dazu das Beispiel Frau K: » Gestern war zum ersten Mal meine Freundin mit ihrem Baby zu Besuch. Ich durfte klein Jonas wickeln und füttern. Und was glauben Sie?  Ich war so hin und weg von dem süßen Fratz, dass ich meine Ohrgeräusche völlig vergessen habe«. Nach einem so positiven Erlebnis meinen viele Betroffene ihre Ohrgeräusche seine tatsächlich völlig weg gewesen. Sind sie jedoch jetzt beim absichtlichen hinhören wieder da, ist dies eher unwahrscheinlich. Frau K. hat ihre Ohrgeräusche zum ersten Mal über längere Zeit völlig vergessen. Glückwunsch! Sie bemerkte sie erst wieder am Abend im Bett. So eine positive Erfahrung stärkt die emotionale Akzeptanz gegenüber den Ohrgeräuschen und hilft dir, das dritte Treppchen zu erklimmen.   

3.    Etappenziel:

Auf dieser Stufe hast du bereits erheblich an Souveränität zurückgewonnen und der emotionale Einfluss der Töne auf dein Lebensgefühl ebbt spürbar ab. Vielleicht stellst du bereits fest - es gibt Stunden, Tage oder ganze Wochenenden,  an denen du die Ohrgeräusche überhaupt nicht bemerkt hast. An sehr stressigen Tagen oder wenn du sehr müde bist, können sie allerdings noch nerven. Dann kommen Sie lästig daher wie ein jungen Hund, der mit dir spielen will, während du viel lieber als »Faultier« auf dem Sofa liegst und deine Ruhe haben willst. Primär stören können die Ohrgeräusche noch in Situationen wo es aufs Zuhören ankommt und wir etwas kapieren wollen. Beispielsweise bei Kabarett oder Konzert, gesellschaftlichen Anlässen oder Vorlesungen. Zuhören ist nämlich, im Gegensatz zu bloßem Hören, (was wir sogar im Schlaf tun) eine geistige Aktivität. Zuhören bedeutet, dass unser Gehirn nun Töne interpretieren muss, sie verstehen, um angemessen darauf reagieren zu können. Irrelevante Geräusche wie die Ohrgeräusche stören dabei und lenken die Aufmerksamkeit oft vom Eigentlichen weg.

Dazu ein persönliches Beispiel: Als junge Familientherapeutin nahm ich alle vier Wochen an einer Supervisionsausbildungsgruppe teil. Eigentlich hatte ich zu dieser Zeit schon recht gut gelernt, meine Ohrgeräusche auszublenden. Doch pünktlich zu den Supervisionstreffen pfiff und brummte es derart in meinen Ohren, dass ich nur mit größter Mühe dem ganzen Geschehen folgen konnte. Das Ganze wiederholte sich und in mir breitete sich Panik und der Gedanke aus: »Mit Ohrgeräuschen kannst du deine Familientherapieausbildung wohl knicken«. Ich grübelte tagelang: „Warum bringt mich der Tinnitus bei den Supervisionstreffen so aus dem Tritt, während ich ihn an den übrigen Tagen weiterhin gut »handlen« kann?  Hier die Lösung: Beim ersten Supervisionstreffen mögen meine Ohrgeräusche vielleicht vor Aufregung oder per Zufall tatsächlich aufdringlicher gewesen sein. Später ertappte ich mich jedoch dabei, wie ich von düsteren Vorannahmen getrieben, bereits auf dem Weg zur Supervision » gefühlt « alle drei Minuten meine Ohrgeräusche kontrollierte. Und ich ließ von diesem Tun auch in der Supervision nicht ab. Nun wurde mir klar, warum ich dem Supervisionsgeschehen nur bruchstückhaft folgen konnte. Meine Aufmerksamkeit war (ähnlich einem träumenden Schüler, der die Frage des Lehrers nicht versteht) ganz woanders. Und bekanntlich folgt die Energie immer der Aufmerksamkeit.

4. Etappenziel:

Auf dieser vierten Stufe  hast Du Deine Ohrgeräusche akzeptiert und machst Dir kaum noch Gedanken um sie. Du erlaubst ihnen da zu sein, (falls sie noch da sind), kämpfst nicht mehr gegen sie an, vielleicht magst du sie sogar, weil sie dir wie ein Bedürfnisseismograf anzeigen können, wann du z.B. zu viel um die Ohren hast und »Nein-Sagen« lernen darfst. Es vergehen Tage, Wochen und  Monate ohne dass du dein fast immer gleiches Pfeifen, Brummern oder Zischen überhaupt wahrnimmst. Grundsätzlich wird die Zeitspanne immer länger. Wenn du deinen Ohrgeräuschen lauschst, erscheinen sie dir sehr langweilig. Dein Tinnitus ist vielleicht noch vorhanden, aber für dein Wohlbefinden völlig bedeutungslos geworden.

Mit welcher Zeitspanne ist zu rechnen? 

Wie so oft im Leben ist das sehr individuell.  Nach meiner langjährigen beruflichen Erfahrung reicht die durchschnittliche Spanne von wenigen Wochen bis zu sechs Monaten. Viele Betroffene erreichen sehr schnell die 2. Zielmarché und bleiben etwas länger in der dritten Phase hängen. Andere wiederum durchlaufen, kleine Rückschritte inbegriffen, alle Phasen ohne größere Probleme. In meiner Praxis biete ich einen unterstützenden Rahmen an, doch viel wesentlicher für deinen Erfolg ist deine innere Haltung!

Dein Credo sollte lauten:
•    Ich springe auf kein (noch so sirenenhaftes) »Behandlungspferd« mehr auf
•    Ich lasse meinen genialen Organismus machen und erlebe meine Selbstwirksamkeit
•    Kein Druck: Nicht Innen, nicht Außen
•    Ich informiere mich in seriöser Fachliteratur und verlasse beunruhigende Foren
•    Last but noch least: Ich tue weiterhin Dinge, die mir Freude bereiten

Nun viel Erfolg bei deinem »Tinnitus Ade«.